Meine Trauer ist mein Antrieb

Picture © Linus Ma / www.linus-ma.com

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Wieder einmal liegen Tage völliger Ausgelassenheit hinter mir. Tage voller Spaß, Liebe und wundervoller Menschen die Teil meiner Familie sind oder einfach nur eine Zeit lang mein Leben mit mir teilen. Im Grunde genommen habe ich ein unglaubliches Leben und sollte jeden Tag dankbar für jeden weiteren sein. Bin ich aber nicht! Ganz im Gegenteil! Sobald ich die Räume meiner Wohnung betrete und ich mir meiner eigentlichen Einsamkeit bewusst werde, verfalle ich in tiefste Depressionen.

Die Depression ist eine psychische Störung mit Zuständen psychischer Niedergeschlagenheit als Leitsymptom, so heißt es zumindest nach wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ich selbst würde es nicht als Störung bezeichnen!! Es ist eine Emotion wie jede andere auch und resultiert wie sie natürlich auch aus Begebenheiten unseres Lebens. Wie würdet ihr den Unterschied zwischen Melancholie und Trauer beschreiben, wenn es die Wörter „Gut“ oder „Schlecht“ nicht geben würde? Melancholie war für mich schon immer die Kunst glücklich trauern zu können. Sie ist wie die gut aussehende, erwachsenen Schwester ihres unkontrollierten und skrupellosen Bruders, der Trauer. Die Trauer überkommt dich ohne Vorwarnung und Erbarmen. Sie zwingt dich zu leiden und nicht zu wissen, wie man das Leiden beenden kann und ob es überhaupt jemals enden wird. Nie zuvor hat ein anderer Mensch so gelitten und so viel Schmerz ertragen müssen, wie man gerade selbst durchlebt. Trauer macht einen egoistisch, unfair und blind für alles andere. Man will einfach leiden!

Ich persönlich mag diese Art des Leides nicht besonders! Ich bin Krebs. Menschen wie ich leben jede Emotion vollends aus, weil wir nicht Herr ihrer werden. Wenn wir lieben, lieben wir aus tiefstem Herzen und wenn wir Hassen, dann ohne Hoffnung auf Vergebung. Unser Lachen ist ehrlich und unsere Tränen könnten echter nicht sein. Wir sind wie die Sklaven unserer eigenen Empfindungen und können oft gar nicht genau definieren, warum wir in bestimmten Momenten so fühlen, wie wir fühlen. Wir tun es einfach. Ich hatte heute eine zuerst zufällige Begegnung mit einem Menschen, den ich zuvor noch nie in meinem Leben gesehen hatte und wenige Stunden später lernten wir uns durch einen absichtlichen Zufall kennen. Nach einem kurzem aber trotzdem sehr intensivem Austausch, fiel ein für mich sehr wichtiger Satz. „Depressive Tage sind mega-produktiv!“ Das mag durchaus stimmen aber nur, wenn man sie zu zelebrieren weiß…

Es ist unglaublich, was für eine Kraft sich auch aus einer Depression heraus entwickeln kann, wenn man sie nur in die richtigen Bahnen lenkt. In meinen dunkelsten Momenten habe ich meine schönsten Texte geschrieben. Je schlechter es meinem Herzen geht, umso intensiver und emotionaler werden meine Mixe. Meine Produktivität steigt proportional zu meinem Wunsch mich und meine Welt in den Abgrund zu stürzen. Was wie die Muse meiner Kreativität ist, ist gleichzeitig wie ein Krebsgeschwür in meinem Gemüt. Ihr seht also, ich kann ohne sie gar nicht mehr. Und selbst wenn man mich „heilen“ könnte, würde ich das überhaupt wollen? Meine Trauer ist mein Antrieb! Würde man mir sie nehmen, so würde man mich einer meiner intensivsten Gefühle berauben und ich könnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, nur noch Glücklich zu sein. Mal abgesehen davon, dass ich wahrscheinlich gar nicht mehr in der Lage wäre zu sagen was Glück überhaupt ist. Ich könnte keine Frau wirklich lieben die bei mir wäre, wenn ich nicht auch gleichzeitig wüsste, wie traurig es ist, sie zu vermissen wenn sie nicht da ist. Ich könnte die Wärme und das Licht der Sonne im Sommer nicht genießen und herbeisehnen, wenn ich die Kälte und Dunkelheit im Winter nicht kennen würde. Also anstatt mir meine Emotionen zum Feind zu machen und sie zu bekämpfen, Rauchen wir lieber gemeinsam ne Friedenspfeife und schauen welch wunderschöne Pflanze wir auf diesem großen Haufen Mist pflanzen können.

Ich schreibe gerne wenn ich traurig bin und zu wissen das es Leute gibt, die das auch tatsächlich lesen, gibt meiner Depression wiederum ihre Daseinsberechtigung.

Ich schreibe, also bin ich. Ich werde gelesen, also bin ich nicht allein. (Kurt Marti)

Peace,
Euer Senay

 

 

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3 Gedanken zu “Meine Trauer ist mein Antrieb

  1. Ich habe gerade versucht meinem Mann zu erklaeren was mich so an Dir fasziniert. Ich bin fasziniert wie Du Gedanken und Gefuehle in Worte fasst. Du bringst mich zum Nachdenken und Inspirierst mich die Eine oder andere Sache von einem anderen Standpunkt zu sehn.

    Danke!!

  2. Dass Trauer ein Antrieb sein kann, woraus man Kraft schoepfen kann, koennte einem klar werden, wenn man darueber nachdenkt, dass auch Wut bzw. Hass eine fast unbaendige Energie in einen erwecken kann, die man so zuvor nie in sich gespuert hat. Allerdings glaube ich persoenlich, dass diese Kraefte das Falsche bewirken. Selbstverstaendlich sind es „richtige“ Gefuehle, die geboren und ausgelebt werden duerfen, doch wenn wir uns ohnmaechtig unseren Gefuehlen hingeben, gewinnen sie die Macht ueber uns und wir verlieren somit die Kontrolle ueber unser Leben und dadurch auch die Chance auf ein erfuelltes Leben, von dem ich nicht glaube, dass es unmoeglich erreichbar ist.
    Ich glaube, dass Depression irgendwie eine Art von „Unfaehigkeit sich der Kostbarkeit seines Lebens bewusst zu sein und dieses wert zu schaetzen“ ist und vielleicht auch das „nicht Loslassen koennen von Dingen, die uns offensichtlich nicht gut tun, es aber scheinbar nicht wahrhaben wollen“ – und das schreibe ich nicht aufgrund naiver Vorstellungen, denn mich begleitet die Depression auch seit mindestens 10 Jahren, wenn nicht sogar mein ganzes Leben lang. Doch manchmal spuerte ich eine Wendung, auch wenn sie mir heute wie eine Illusion erscheint, doch sie war real, auch wenn heute davon kaum noch etwas spuerbar ist. Leider zieht mich die Dunkelheit erneut in ihre Tiefe, doch ich fuehle, dass es nicht der richtige Weg ist, den man sich oder anderen wuenschen wuerde.

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