„Voll Integriert!“ – Kapitel I

"Der Alptraum Adolf´s!"

„Der Albtraum Adolf´s!“

Ich fange mal ganz einfach mit meiner ersten Erinnerung an, die mich geprägt hat und die relativ weit in meiner Kindheit zurück liegt aber zuerst möchte ich Sie alle bitten nachsichtig zu sein mit der chronologischen Reihenfolge der Geschehnisse da ich im allgemeinen ein sehr konfuser Mensch bin und ab und an mal nicht genau weiß, wann wirklich jetzt welches Ereignis war. Nun denn, es war ein warmer Sommertag und alle Kinder tummelten sich draußen auf unserem kindergarteneigenen Spielplatz. Ja, damals nannte man das noch Kindergarten und nicht wie heute die hippen Mitte-Eltern das Kita nennen, darauf besteh ich! Einer meiner Schnürsenkel hatte sich gelöst und vertrauensvoll wandte ich mich an meine „Kindergärtnerin“ Frau Wilhelm, die für die Belange meiner Elefantengruppe zuständig war. Wie immer beugte sie sich weit nach vorne und ging nicht wirklich in die Knie. In ihrem alter war das aber auch nicht unbedingt eine leichte Übung und BHs tragen anscheinend auch nicht!

Somit war die erste Brust die ich jemals gesehen habe, mal abgesehen die von meiner Mutter aber das spielt hier keine Rolle und die Brüste meiner Mutter haben sie sowieso nicht zu interessieren, verstanden!!!!? Ich schweife ab, Verzeihung!

Zurück zum Thema also. Die ersten Brüste die ich jemals gesehen habe und die ich in den Sommermonaten drei Jahre lang wieder und wieder sehen musste, wollte ich akkurat gebundene Schnürsenkel haben, die meiner 53 jährigen Betreuerin Frau Wilhelm waren! Hat mich das geprägt?? Sagen sie es mir am Ende meiner Geschichte!

Geboren bin ich in einer kleinen Stadt im Odenwald. Wie der Name schon sagt, ist der gesamte Kreis von einem Wald umringt. Da es keine wirklichen Autobahnanbindungen im Umkreis von 50 – 100 Kilometern gab, lagen wir damit auch ziemlich ruhig und abgeschieden von der modernisierten Außenwelt. Eine kleine vertrauensvolle, südhessische Stadt mit florierender Agrarpolitik und einem funktionierenden Rechtssystem. Mit anderen Worten viele Kühe, jeder kennt jeden und es ist todlangweilig! Natürlich ist es ein wunderschönes Fleckchen Erde und ich hätte mir gewünscht ich hätte das als Teenager auch so gesehen aber ich fand es damals einfach nur Kacke! Sorry, aber das umschreibt es am besten…

Meine Eltern sind Gastarbeiter der ersten Generation und ich das erste in Deutschland geborene Kind von ihnen. Zu der Zeit besaß ich bereits drei weitere Geschwister in der Türkei die dort geboren und aufgewachsen waren. Ich denke, ich war so was wie der letzte Versuch…

Die erste Wohnung meiner Eltern lag direkt neben dem Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr Michelstadt, dessen damaliger Hauptbrandführer Herr xxx, auch gleichzeitig ein sehr hilfsbereiter und anständiger aber uriger Zeitgenosse war. Nicht nur er, sondern seine ganze Familie, Frau, Tochter, Sohn, alles, großartige Menschen. Gleich hier mal ein kleines Dankeschön. Für alles! Sie hatten es sich damals zur Aufgabe gemacht, meinem Vater und meiner Mutter das Leben in einer deutschen Dorfgemeinschaft so fern ab der eigenen Heimat ein wenig einfacher und vor allen Dingen verständlicher zu gestalten. Ich gehe mal davon aus, dass die Bürokratie und der damit einhergehende Wahnsinn in jedem Land der gleiche ist aber, wenn sie weder die Sprache noch die Menschen kennen, setzt das den Schwierigkeitsgrad in eine immense Höhe. Man bedenke den Bildungsgrad einer 18jährigen Türkin, aus einem 200 Mann Dorf im Uralgebirge und das Mitte der 70er. Fernsehen, Internet oder frische Croissants am Morgen??? Fehlanzeige!

Mein Vater ist ein, lassen sie mich das in einem Wort sagen, dass auf der Strasse alles erklären würde, ein stabiler Mann! Als einer von 8 Kindern war er früh gezwungen Geld als Schaafhirte zu verdienen um somit die Familie zu unterstützen, somit war Schule keine wirkliche Option für ihn und lesen, schreiben und rechnen ein Luxus den er sich nicht leisten konnte. Er ging mit 18 als Gastarbeiter nach Europa, wo er nach kürzeren Zwischenstops in Belgien und der Schweiz schließlich in einem kleinen gallischen Dorf, welches noch immer tapfer den Römern Widerstand leistete… Moment, halt, sorry!!! Falsches Dorf! Obwohl… Da wären schon eine Menge Gemeinsamkeiten zwischen Michelstadt und dem „Kleinen gallischen Dorf“ ohne Namen. Selbst der Limes verlief bei uns und somit haben die Römer uns schon gefürchtet und laut Lexikon sind wir ein kriegerisches Waldvolk aber, ich schweife schon wieder ab.

Da ich mich ja bereits am Anfang entschuldigt hatte, erspare ich mir, dass nun ab jetzt und werde es auch nicht wirklich ständig erwähnen. Verdammt, Ich sollte tatsächlich nur noch nüchtern schreiben…. Und vielleicht sollte ich auch nicht alles schreiben, was ich denke!! Egal… So, und nun zurück zum Thema.

Mein Vater kam also Mitte der 70ger Jahre in ein kleines Dorf und begann seine Karriere bei der Poldress GmbH, einer damals mittelgroßen Kunststofffirma die später von der BP-Chemicals übernommen wurde, und arbeitete die nächsten 42 Jahre in ein und dem gleichen Beruf ohne auch nur einen einzigen Tag gefehlt zu haben. 42 Jahre lang drei Schichten ohne auch nur den Hauch einer Abwechslung!!? Das änderte sich natürlich schlagartig als er später wegen Kehlkopfkrebs, es stellte sich heraus, dass die Arbeit mit Kunststoff und Chemikalien eventuell ein möglicher Grund dafür sein könnte, plötzlich von heute auf morgen in Rente gehen musste. Die ersten Monate hat mein Vater uns Wahnsinnig gemacht!!! Ich meine, können sich vorstellen wie ein Körper nach so einer langen Zeit reagiert, wenn man ihm seinen natürlich Rhythmus nimmt. Alle zwei Wochen, pünktlich zu seinen Schichten, wachte mein Vater eine Woche lang jeden morgen um 4 Uhr auf und begann mit Frühstück und Fernsehen. 6 Menschen in einer Drei-Zimmerwohnung, nur um ihnen das mal bildlich zu verdeutlichen! Plötzlich wollte er sich jeden Tag unterhalten oder tauchte unerwartet auf weil er mal nach dem Rechten sehen wollte. Wenn Teenager gemeinsam abhängen, wollen sie nicht das Erwachsenen nach dem rechten sehen. Besondern kein türkischen Väter! Es war schon merkwürdig, einen so stolzen und eigentlich auch machohaften Menschen so verloren und um Aufmerksamkeit flehend zu sehen. Ich habe den größtmöglichen Respekt vor meinem Vater und allem was er erreicht und für uns getan hat und die einzigen Qualifikationen die er dafür zur Verfügung hatte, waren die das er seine Unterschrift schreiben konnte und das er die ihm zugetragene Arbeit immer zu 100% verrichtete. Er ist ein Mann wie ein Baum! Noch heute mit fast 80 dreht er täglich seine zwei Runden in der Stadt begrüßt alle persönlich mit Handschlag und Küsschen. Man nennt ihn auch den heimlichen Bürgermeister und er ist so was, wie das Maskottchen der Stadt. Gleich nach der Biene aber auch das ist ne andere Geschichte. Von meiner Mutter möchte ich gar nicht so viel erzählen…

Sie ist für mich eine heilige und ich habe noch nie im Leben jemanden getroffen, der gerechter, liebevoller, loyaler, herzlicher, respektvoller, stolzer, ehrenhafter, aufopferungsvoller, bescheidener oder weiser war, als meine Mutter und bin froh viele ihrer Eigenschaften geerbt zu haben. Ich sage das nur, weil sie immer wieder Teil meiner Geschichten sein wird und dadurch vieles über sie zu erfahren sein ist. Ganz im Gegensatz zu meinem Vater. Wie sie schon bemerken können, bin ich ein Muttersöhnchen aber ich kann ganz gut damit leben.

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2 Gedanken zu “„Voll Integriert!“ – Kapitel I

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