„Voll Integriert“ – Kapitel 2

Eine ganz normale berliner Familie!

Eine ganz normale berliner Familie!

Meine Mutter wurde mit 16 an meinen Vater verheiratet und teilt seit je her das Leben mit ihm. Sie war ein Einzelkind und somit der Stolz und Liebling ihres Vater, der leider zu früh verstarb. Als sie nach Deutschland kam um meinen Vater hier zu unterstützen, war dass für sie ein Neuanfang und niemals sprach sie davon, dass wir irgendwann wieder in die „Heimat“ zurück fahren würden und nicht wie mein Vater, der am liebsten gleich lostingeln wollte und eigentlich täglich den Ford Transit schon am beladen war. Ich denke, hätte er einen Führerschein gehabt, wäre wir bestimmt eines Morgens aufgewacht und mein Vater hätte in einer Nacht und Nebel-Aktion beschlossen, dass er die Schnauze voll habe und wir zurück in die Heimat ziehen. Also habe ich es im Grunde genommen dem Analphabetismus (wenn man das Wort langsam liest, klingt es irgendwie nach Arsch…) meines Vaters zu verdanken, dass ich ein richtiger Odenwälder Bub geworden bin und nicht Ali aus Izmir!

Ich hatte eine verdammt glückliche Kindheit und bei all dem Luxus den die Kinder heute im Überfluss haben, hatte ich was, was sie nicht haben! Freiheit!

Schon in frühester Kindheit konnte ich die Wohnung mit einem lapidarem „Ich geh raus spielen“ verlassen und kam erst um Abendbrot wieder Heim. Manchmal natürlich auch für einen Boxenstop mal zwischendurch aber ansonsten verbrachte ich die meiste Zeit zwischen 5 und 16 im Freien beim Spielen. Die Möglichkeiten waren schier unbegrenzt! Straßenfußball, Spielplatz-Tennis, Survival-Training im naheliegenden Wald, der Bau eines Staudamms am angrenzenden Bach, die tägliche Rettung der Welt als Batman oder einfach nur die Jagd nach einer Monster-Maus im Schuppen meines besten Freundes, die am Ende ein abgefackeltes Gartenhäuschen und den Einsatz der hiesigen Feuerwehr nach sich zog. Es gab immer was zu tun!

Ich merkte früh, dass ich mit den anderen Einwanderer-Kindern nur selten und wenig gemeinsam hatte. Es war nicht so das wir uns nicht verstanden haben, aber grundsätzlich waren unsere Interesse eher Gegensätzlich. Meiner Mutter war es sehr wichtig, dass wir als Familie in unserer neuen Heimat nicht auffallen. Sei es als Ausländer durch unsere Kleidung und unser Äußeres oder sei es durch unser Verhalten in der Öffentlichkeit. Stets war sie bedacht darauf, dass wir uns den Gepflogenheiten unserer süd-hessischen Gastgeber zumindest annähern ohne unsere Herkunft zu verleugnen. Ich erinnere mich an eine Gesichte die sie mir immer wieder erzählt hatte und diese würde die pragmatischen Gedankengänge meiner Mutter besser beschreiben als ich es wohl je könnte. In den ersten Monaten nach meiner Geburt, begann sie eine neue Stellung bei einem der besseren Hotels unserer „Stadt“ (verzeiht mir aber ich muss immer noch kichern wenn ich Michelstadt als Stadt bezeichne). Ich weiß nicht ob ich erwähnen sollte, dass sie natürlich das klassische Klischee des typischen Gastarbeiters erfüllte und zu den Reinigungsfachkräften gehörte.

Wie toll sich das heute anhört!? Damals sagte man schlicht Putzfrau.

Thema war nun das tägliche Mittagessen. Natürlich wurde das Essen vom Hotel gestellt aber in den späten 70ern war den lieben Menschen im Odenwald noch nicht so bewusst, dass Menschen aus anderen Kulturkreisen auch ein anderes Essverhalten nach sich ziehen. Da es ab und an natürlich auch mal passieren konnte, das Schweinefleisch auf der Tageskarte stand, gab es nun natürlich eine Glaubenskrise, zwischen den „hardlinern“ und den „gemäßigten“ Moslems, wobei die Gruppe der Gemäßigten meist nur aus meiner Mutter zu bestehen schien. Für sie hatte ihr Glaube, und sie ist eine sehr gläubige Frau, nichts damit zu tun, was ein Mensch ist oder in welchem Gotteshaus er betet. Für meine Mutter musste ein Mensch gläubig leben und nicht von Glaube reden.

Sie brachte mir bei das Religion etwas Privates ist und man sich alleine mit seinem eigenen Glauben beschäftigen sollte. Leider Gottes beschäftigen sich die Menschen aber lieber mit dem Glauben andere und der Begründung warum sie das Fegefeuer verdient hätten. Trotz der abwertenden Blicke ihrer moslemischen Freunde beschloss meine Muter damals Schweinefleisch zu essen. Sie konnte einfach damals schon nicht glauben, dass eine ganze Stadt wegen Leberkäse verdammt sein könnte.

Meine Mutter glaubte immer schon mehr an Gott als an die Menschen.

Dank ihr hatte ich damals schon die Freiheit und liebe es heute noch über ein Volksfest zu laufen und genüsslich in eine Bratwurst zu beißen, ohne dafür in der Hölle zu landen. Meine Kinder sehen das heute genauso wie ich.

Mal abgesehen von unseren Geschmäckern, gab es auch noch weitere und weit mehr gravierende Unterschiede zwischen den anderen türkischen Jungs und mir, wobei sich das mit dem Geschmack auch auf die Kleidung bezog! Aber zu meinem Kleidungsstiel in den 80ern komme ich später. Nur so viel… Man merkte früh, ich war sehr eigen! Oder welches Kind trug sonst noch im zarten Alter von fünf Jahren Cowboystiefel im Kindergarten. In weiß!!!

Der wohl entscheidende Unterschied zwischen mir und den anderen „Kanaken“ (nehmt mir das Wort nicht übel aber so haben wir uns damals auch selbst genannt! Wir durften das ja auch also probiert das bitte nicht auf der Strasse!!!) war meine Neugier! Während die anderen türkischen Familien in ihren eigenen Kreisen blieben und ihre Kinder somit auch nur mit türkischen Kindern spielen konnte, durfte ich meine Freunde frei wählen. Ich ging mit Markus zum Fußballtraining und wurde Torwart beim VFL-Michelstadt. Carsten nahm mich mit zum Spielmannszug und ehe ich es mir versah, spielte ich in Uniform Querflöte beim Rosenmontags-Umzug. Jürgen habe ich es zu verdanken, dass ich 4 Jahre lange, stolzes Mitglied der freiwilligen Feuerwehr unserer Stadt war.

Meine türkischen Aktivitäten bestanden im Gegensatz dazu, im wesentlichen nur von den regelmäßigen türkischen Hochzeiten, die gefühlt jede Woche statt fanden und den Überraschungsbesuchen unserer Freunde und Verwandten.

Im Groben und Ganzen kann man meine Erziehung wie folgt beschreiben: Er lebte deutsch und wurde türkisch erzogen!

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