„Voll Integriert“ – Kapitel III

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© Linus Ma / www.linus-ma.com

Mein erster Schultag begann genauso koordiniert und ordentlich, wie ich es mir bis heute beibehalten habe auch mein Leben zu führen. Nämlich gar nicht!

Ich kam 2 Wochen zu spät aus dem Familienurlaub aus der Türkei und wurde zuerst in das Büro meiner Direktorin gebracht. Nach einer kurzen Einweisung ihrerseits, die ich meinen Eltern natürlich übersetzen musste, durften mich meine Eltern sogar bis zu meinem neuen Klassenzimmer begleiten in dem der Unterricht natürlich schon einige Zeit im Gange war. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass die durchschnittliche Anzahl der Immigrantenkinder in der damaligen Zeit sehr überschaubar war und ich somit, neben meinem halb-italienischen Freund Claudio, der einzige Schwarzkopf der Klasse war aber das nur um Rande. Aufgeregt bis in die Spitzen meiner damals noch nicht so grauen Haare, wurde ich nun in die Klasse geführt und meiner neuen Klassenlehrerin Frau Witthelm und meiner neuen Klasse vorgestellt. Ich erinnere mich an einige Gesichter meiner Mitschüler, die sichtlich überrascht über die Tatsache waren, dass da ein eindeutig ausländisches Kind mit, akzentfreiem hessischen Dialekt, sich seinen neuen Mitschülern vorstellte. Ich war clever, laut und lustig und damit war auch schon klar, welche Position ich innerhalb der Klassengemeinschaft inne hatte. Neben der Sportskanone war ich natürlich auch der Klassenclown. Die Menschen akzeptieren einen einfacher, wenn man sie zum lachen bringt.

Ich habe damals Freundschaften für´s Leben gefunden, die auch heute, 35 Jahre danach, immer noch bestehen und wahrscheinlich bis zum Ende unserer Tage bestehen werden. Menschen wie Hubertus, Claudio, Stefan, Markus, Karsten und viele andere haben meine Integration erst möglich gemacht. Sie und ihre Eltern, die mich zum Essen einluden, auf Ausflüge mitnahmen oder zu Wettkämpfen fuhren und somit Gastfreundschaft lebten, machten mich erst von einem Gastarbeiterkind zu einem richtigen Odenwälder. Meine Freunde wie Hakan, Erkan, Ali, Serkan und Irfan halfen mir wiederum niemals zu vergessen wo ich herkam und was uns ausmachte. Die fast wöchentlich stattfindenden Hochzeiten unzähliger Verwandter und Bekannter, ließ uns fast jedes Wochenende durch ganz West-Deutschland pilgern, um dann in ausgelassener Stimmung Braut und Bräutigam zu feiern. Natürlich hatten solche Hochzeiten auch noch einen anderen wichtigen Grund. Die Eltern konnten schon früh einen Überblick über mögliche Kandidatinnen und Kandidaten für ihre eigenen Kinder gewinnen, die in naher Zukunft selbst der Grund einer solchen Hochzeit werden sollten. Im Grunde genommen waren solche Feiern eine riesengroße Single-Party! Nur halt mit Eltern und Verwandten, die deine Zukünftige für dich aussuchen und ohne Anfassen und Küssen so.

Nichtsdestotrotz habe ich türkische Feiern geliebt! Sie sind herzlich, ausschweifend, gastfreundlich, liebevoll und wer schon mal unsere gemeinsamen Tänze gesehen hat, versteht, warum eine deutsche Hochzeit im Gegensatz dazu wie der 80. Geburtstag einer Bibliothekarin wirkt.

Meine erste Klassenlehrerin Frau Witthelm war eine Pädagogin der alten Schule, was soviel bedeutet, dass sie ein Meterlineal besaß und auch nicht scheute dieses gerne ab und an mal zur Züchtigung zu benutzen. Durch einen sanften aber durchaus schmerzvollen Klaps auf die Finger, wurden wir stets daran erinnert, nicht mit unseren Federmäppchen auf den Tischen zu spielen. Für Kinder, die ihre besondere Aufmerksamkeit benötigten, flog auch gerne mal ein Schlüsselbund durch unser Klassenzimmer und fand sein Ziel meist krachend auf einem unserer Tische, wenn einen guten Tag hatte. Wenn nicht, schlug er auch gerne mal auf einem Brustbein oder etwas höher ein! Zielen war zwar nicht ihre Stärke aber ich habe nie wieder so viel in 2 Jahren gelernt, wie ich es bei ihr getan habe. Vielen Dank an dieser Stelle.

Nach zwei Jahren diktatorischer Frau Witthelm, wurden wir die nächsten zwei Jahre im warmen und fürsorglichen Schoss der warmherzigen und leicht Waldorf angehauchten Frau Pfeiffer, weiter in unseren Hauptfächern unterrichtet. Sie war mit ihren wallenden, goldenen Locken mehr Engel als Lehrer. Sie war um die 50 und mit ihrer fülligen Art hatte man ständig das Bedürfnis, sich an sie zu schmiegen und in den Arm genommen zu werden. Nicht unbedingt förderlich für Kinder mit ADS. Die fehlende Strenge, und ich muss das leider hier so erwähnen obwohl ich ein Fan von ihr war, wurde aber pflichtbewusst und mit deutscher Gründlichkeit von Herrn Lindtsted übernommen. Meinem Sport und Musiklehrer! Er merkte schnell, dass ich die überflüssige Energie, die ich ständig versuchte in dummen Kommentaren oder Aktionen in der Klasse abzubauen, anders kanalisiert werden muss. Obwohl ich bis dato nicht schwimmen konnte (Obwohl die Türkei eine Halbinsel ist, können über 80% der Einheimischen nicht schwimmen! Unglaublich oder!?), brachte mir Herr Lindtsted in einem Crashkurs das Schwimmen bei. Vier Wochen später wurde ich im Leistungskader unserer Stadt aufgenommen. Alles richtig gemacht würde ich sagen. Auch ihnen, Herr Lindtsted, ein großes Dankeschön dafür, dass sie an mich geglaubt haben, obwohl ich sie genervt habe. Meine Lieblingserinnerung wird aber immer unser Wanderausflug zum Englischen Garten in Würzberg. Angekommen an einem kleinen See der über und über voll mit Seerosen war, wandte sich unser Lehrer zur Klasse und erklärte: „Dies ist der berühmte Seerosen-Teich aus dem Odenwald und der Legende nach holt der Storch hier die Babys, die er dann glücklichen Eltern bringt. Nur du Senay, du wurdest nicht hier geholt. Ich denke, dich hat der Teufel beim Galopp verloren!“ Hach, die Grundschule war schon toll…

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